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Ein Jugendtraum geht in Erfüllung !!!

Vorfreude

 

 

 

 

 

Am Freitag, den 29. Oktober 1999 sollte es losgehen...... Auf diesem Container-Schiff bin ich in See gestochen und habe eine 8-tägige Nordlandreise unternommen. Die Route stand anfangs noch nicht genau fest, ich ließ mich also überraschen.Der Pott hieß MS "Värmland", Baujahr 1995, hat 4.650 Tonnen, ist 100 m lang und 16,5 m breit. Geschwindigkeit 16 Knoten ( ca. 30 km).
Bekomme eine Einzelkabine mit Dusche und WC und kann mir in der Pantry (Küche) sogar mein Gesöff (Früchtetee) zubereiten.
Es war auch nicht nötig, einen Sack voller Batterien mitzunehmen, da es elektrischen Anschluss mit ganz normalen Steckdosen gibt.
Denn natürlich muss die Digitale Kamera mit und auch mein CD player braucht ja Saft, um zu jodeln.

Jetzt schwappen so langsam die Wellen der Vorfreude hoch und der "Seesack" kann gepackt werden. Badeanzug wird wohl um diese Jahreszeit nicht notwendig sein und auf ein Abendkleid kann auch verzichtet werden. Dafür werden die neuen dicken Wollsocken zur Geltung kommen, Skiunterwäsche wird eingepackt (aber nicht zum Wasserski laufen), Rollkragenpullover, Schal und Pudelmütze. Stiefel mit Profilsohlen stehen auch parat, damit das Nordlicht nicht an Deck ausrutscht und auf dem Hosenboden landet.
Auf einen Regenschirm werde ich verzichten, dafür kommt die Kapuze an die warm gefütterte dicke Jacke.
Für den Fall der Fälle, dass die Fische gefüttert werden sollten, kommt noch das Ersatzesszimmer mit ins Gepäck. Auch die chemische Verpflegung ist reichlich vorhanden. So ausgerüstet dürfte eigentlich nichts mehr schief gehen.

Die vor Vorfreude schäumende Ellen konnte es kaum erwarten....

Am 29.10. musste ich um 14 Uhr an Bord der "Värmland" sein, meine Perle Romy brachte mich mit dem Auto hin. Jede Menge Verkehr im Freihafen und wir schlängelten uns durch die LKW - Kolonnen, die ihre Container zu den verschiedenen Terminals brachten.
Wir mussten zum Burchardkai, dort angekommen hieß es erst einmal "Halt", denn uns war nicht bekannt, daß die Container - Terminals nicht mit dem Auto befahren werden dürfen. Also rauf auf den Parkplatz und der Pförtner orderte einen Shuttlebus. Der Fahrer war so nett, direkt vor dem Kofferraum zu halten, so brauchte das Gepäck nicht weiter geschleppt zu werden. Romy verabschiedete sich hier bereits, da sie leider nicht mehr so viel Zeit hatte, mit aufs Schiff zu kommen. 

Winke.. winke.. und ab ging es durch die hoch gestapelten Container zur Värmland.
Am rot gestrichenen Heck leuchtete der Schiffsname in weißen Lettern und vor der Gangway wurde ich mit meinem Krimskrams abgesetzt.
Keine Menschenseele war an Bord zu sehen und so kletterte ich einige Male die Gangway rauf und runter, um Koffer, Tasche, Rucksack und den Karton mit den selbstgebackenen Kuchen nach oben zu verfrachten. Puh, war ganz schön anstrengend und eine kleine Pause an der Reeling war nötig.

Ein "Hallo" in die offenen Luken ergab keine Resonanz, also erklomm ich so pö a pö die Außentreppen zur Brücke.
Dort hatte der Steuermann Wache und ich stellte mich vor. Wurde gleich um meinen Ausweis gebeten, der war aber im Gepäck, was ich natürlich unten gelassen hatte.
Der Steuermann, ein junger Mann mit Namen Schneider, kam mit herunter, war so nett, ein Teil des Gepäcks zu tragen und zeigte mir meine Kammer. Der Personalausweis wurde entgegen genommen und mit der Bitte, mich in etwa einer halben Stunde auf der Brücke zu melden, verschwand er.

 

Jetzt hatte ich ein wenig Muße, mir die Kammer anzusehen und hätte am liebsten einen Freudenschrei ausgestoßen. Ist eigentlich eine Behausung für den 2. Offizier (Steuermann), Da so einer aber heutzutage nur noch auf Überseetörns vorgeschrieben ist, dürfen Passagiere sich darin niederlassen. Da ich für diese Reise der einzige war, hatte ich das Glück, diese Kabine zu bekommen.

Hatte durch zwei Fenster (Bullaugen) Ausblick zur Backbordseite, einfach toll, da sehe ich das Meer und schaue nicht auf die gestapelten Container.

 

Jetzt hieß es erst einmal auspacken. Im 1m breiten Kleiderschrank war reichlich Platz für meine Klamotten, unter der Koje gab es 2 große Kästen und ein Riesenfach, wo der leere Koffer verstaut wurde. Die Schublade im Nachtschrank wurde mit den notwendigen Dingen gefüllt und darunter war noch ein großes Fach.
Ein Schreibtisch war ebenfalls vorhanden, auf einem Überbau befand sich ein Fernseher und darunter war ein Radio mit Kasettenabspieler eingebaut.
Pünktlich, wie es sich gehört, erschien ich wieder auf der Brücke, bekam meinen Ausweis zurück und dann gab es Unterweisung für eventuelle Notfälle.

Zuerst wurde mir das Rettungsboot gezeigt und erklärt. Also bei Alarm - 7 mal kurz, einmal lang - schnellstens dicke Sachen anziehen und zum Rettungsboot kommen, Einsteigen, hinsetzen und anschnallen. Wenn alle drin sind, wird die Luke geschlossen, die Verankerung gelöst und das Boot gleitet über Schienen ins Meer.
Eine Anprobe der Rettungsweste musste auch sein und letztendlich wurde mir noch gezeigt, wie ich einen Rettungsring über Bord schmeißen muss. Auf meine Zusage, dass mir dies bekannt sei, meinte der Steuermann: " Sicher ist sicher, könnte ja sein, dass ich mal über Bord falle und dann ist es eine Beruhigung, wenn auch Passagiere wissen, wie sie den Rettungsring werfen müssen".

"Unterricht" beendet und ich gehe runter in die Kombüse. Es ist 15 Uhr und "Teatime" angesagt. Werde vom Philippinischen Koch begrüßt und muß meine minimalen Englischkenntnisse hervorkramen, denn der versteht kein deutsch. Der Karton mit meinen selbst gebackenen Kuchen wird vorerst im Kühlraum untergebracht, denn augenblicklich ist keine Zeit für einen gemeinsamen Kaffeeklatsch. Soll auf den Sonntag verschoben werden, auch kein Problem, denn die "Puffer" halten sich ja. Mir wird mein Platz für diese Reise in der Offiziersmesse gezeigt und hier lerne ich auch den Chief kennen. Er stellt sich mit Hischke vor und ist für die Unterwelt (Maschine) des Pottes zuständig. Ein Becher Kaffee und einige Kekse befriedigen mein Innenleben etwas, denn vor lauter Vorfreude habe ich seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.

Anschließend begebe ich mich auf die Suche nach meiner Kammer, auf welchem Deck war die bloß noch? Sind immerhin 5 "Etagen" vorhanden. Beim A-Deck kommt die Erleuchtung und ich bin richtig. Der Rest wird noch verstaut und auch die Waschutensilien werden untergebracht. Habe ein eigenes Badezimmer mit WC, Dusche, Waschbecken und auch ein Spiegelschrank ist vorhanden. Badelaken und Handtücher liegen ebenfalls bereit, nur das Klopapier fehlte (wurde mir auf Anfrage aber nachgereicht).

Meine mitgebrachten Naschereien kommen in den vorhandenen Kühlschrank, der zusätzlich mit einem Riegel verschlossen wird. Alle vorhandenen Schubladen und Kästen sind mit Schlüsseln versehen. Die sollten auf See auch möglichst umgedreht werden, sonst könnten sich bei Seegang einige Dinge selbständig machen. Nur die Kammertür bleibt unverschlossen, damit im Notfall auch Hilfe reinkommen kann.
Es ist alles verstaut, die Kammer vollends in Augenschein genommen, da lockt die Außenwelt des Schiffes. Habe mich erst einmal schlau gemacht, wie die einzelnen Decksnamen sind, damit ich nicht in "Tüdel" komme.
Auf der Rückseite liegen neben dem Niedergang zwei Räume, die mit Technik total vollgestopft sind, Computer sind natürlich auch vorhanden, leider nicht mit Internet-Anschluß.

Bin wieder auf der Brücke gelandet und habe zugesehen, wie die Container mit Kränen verladen wurden, denn das war auch für mich neu. Während der Liegezeit im Hafen ist es nicht erlaubt, aufs Vorschiff zu gehen. Sollte eigentlich jedem klar sein, denn es ist viel zu gefährlich, beim Laden und Löschen der Container dazwischen herum zu spazieren.
Langsam wurde es schon dunkel und Zeit, zum Abendessen zu gehen. Habe mich in meiner Kammer "fein" gemacht, d.h. Jacke aus, Pfötchen waschen und mal eben mit dem Kamm durch die vom Wind zerzausten Haare. Auf dem Gang nach unten begegnet mir ein Mann, der sich als Kapitän mit Namen Lösgen vorstellt. Ist heut nix mehr mit "Kapitänsuniforn ", ist ja auch viel bequemer mit Jeans usw.

Der teilt mir dann mit, dass wir erst gegen Mitternacht den Hafen verlassen, 
abends noch zum Eurokai verholen, um dort andere Ladung aufzunehmen.

Konnte noch einen Rundgang über das Schiff machen und dann in aller Ruhe mit den Herren das Abendessen genießen, was für meine Begriffe sehr reichhaltig war. Diverse Sorten Brot standen zur Auswahl, mindestens 10 verschiedene Wurstsorten und Käse unterschiedlicher Arten. Alles war fein säuberlich auf kleinen Platten plaziert und mit Klarsichtfolie abgedeckt. Auf Wunsch wurde auch noch etwas Warmes vom Koch serviert. Hier wurde mir dann auch gleich gesagt, daß ich jederzeit, wenn mich mal Hunger plagen sollte, an den gut gefüllten Kühlschrank gehen könnte. Hatte es aber während der ganzen Fahrt nicht nötig, davon Gebrauch zu machen.

Als ich den Koch fragte, ob ich mir eventuell Tee kochen dürfte um den mit nach oben zu nehmen (Teebeutel hatte ich mit), sprang er sofort auf, setzte Wasser auf und zauberte eine 2 Liter Thermoskanne mit Pumptechnik herbei. Er ließ es sich auf der ganzen Fahrt nicht nehmen, mir täglich diese Kanne mit meine "Gesöff" zu füllen, während ich beim Abendessen war.

Mein Handy war mit, das hatte dann auch noch Hochbetrieb. Musste ja einigen Mitteilung machen, dass ich die heimatlichen Gewässer noch nicht verlassen habe.

Von 22:30 bis 23:00 Uhr wurde verholt (das Schiff fuhr zu einem anderen Liegeplatz), ich durfte auf der Brücke sein und zusehen. Seitlich auf der sogenannten Nock sind auch Ruderstände, von dort wird bei An- und Ablegemanövern das Schiff "dirigiert". Ist schon bemerkenswert, mit welcher Millimetergenauigkeit so ein Pott ohne Schlepperhilfe genau an der richtigen Stelle an die Pier kommt.

Die Festmacher standen bereit, legten das Schiff an die Leine, ich verzog mich in meine Kammer, duschte noch und kroch "wohlig" erschöpft in die Koje.

Konnte allerdings nicht besonders gut geschlafen, weil es ziemlich kalt war und die Decke sehr dünn. Eine Heizung entdeckte ich nur im Bad, aber die funktionierte nicht. Die Jacke musste als Zusatzdecke herhalten, da wurde es ein wenig besser.

Um 7:30 wachte ich auf und stellte verwundert fest, dass ich die erste Nacht meines "Traumes" im Hamburger Hafen verbracht habe, denn die Värmland lag immer noch am Eurokai fest.

Frühstück um 8 Uhr, danach begab ich mich in den 5. Stock, also auf die Brücke. Dort erfuhr ich dann, das wir erst gegen Mittag auslaufen.

Bei einem Telefonat per Handy wurde ich dann betreffs der Heizung aufgeklärt: Oben an der Decke sind solche Kästen, da müsste ich den Schalter auf rot drehen und oh Wunder, es klappte und wurde mollig warm. Hätte mir doch aber auch von der Besatzung gesagt werden müssen, die denken aber sicher, dass muss man (und Frau) wissen.

 

Der Vormittag war damit ausgefüllt, dass ich mit meinem Tagebuch begann, zwischendurch um 10 Uhr in der Messe Kaffee und Kekse genoss, einen Klönschnack mit dem Chief hielt und mir vom Kapitän eine Stange Zigaretten der Sorte "Marlborogh Light" geben ließ. Denn bei den ganzen Vorbereitungen und in der Erwartung hatte ich es total vergessen, mir einen Vorrat für mein Laster mitzunehmen. War mir ja bekannt, dass es meine Sorte nicht an Bord gab. Die Zeit verging ziemlich schnell, da war schon die Zeit fürs Mittagessen heran. Es gab Linseneintopf mit Wurst (nicht grade mein Leibgericht), dafür als Nachtisch einen tollen Obstsalat. So gesättigt wollte ich grad ein Mittagsschläfchen halten, da sprang die Maschine an.

Um 12:30 Uhr hieß es "Leinen los" und langsam setzte sich die Värmland in Bewegung. Also schnell Jacke an, Mütze auf, den Knipskasten geschnappt und rauf auf die Brücke. Ich kann mein Gefühl nicht beschreiben, der Pott fuhr los und ich war dabei. Mein Traum seit Jahrzehnten geht in Erfüllung !

Per Handy wurde Cousine Erika informiert, die ja schon wartete, um vor ihrem Haus in Wedel winken zu können. Oh Schreck, ich hab in der Aufregung die Hamburgflagge in der Kammer vergessen, also schnell noch mal runter und die holen.

Ich betrachte die Hamburger Stadteile Neumühlen, den Museumshafen in Övelgönne, Teufelsbrück liegt an der Steuerbordseite und die Luftwerft an backbord. Es geht an Blankenese und dem Süllberg vorbei - alles ist mir bestens bekannt, aber ich sehe das jetzt von einem fahrenden Frachter aus, ein erhebendes Gefühl.
Das E-Werk kommt in Sicht, nun heißt es aufpassen. Meine Cousine Erika, die direkt an der Elbe wohnt, winkt mit einem großen weißen Tuch und ich schwenkte die Hamburg-Flagge, als wir dort vorbeifahren.

 

Am Stadtrand von Hamburg gibt es eine Schiffsbegrüßungsanlage, das "Willkommenhöft". Dort werden hereinkommende Schiffe mit dem Hamburglied begrüßt und auslaufende mit "Muß i denn, muß i denn zum Städele hinaus.........." über Lautsprecher verabschiedet.

Also schallte dies Lied zum "Pott" herüber, während ich mich per Handy noch einmal bei Erika melde. Sie hat mich sehr gut mit dem Fernglas sehen können und ein Nachbar hat sogar an seinem Fahnenmast die Flagge gedippt. Dies konnte ich leider mangels Fernglas (kann ich sowieso nicht durchgucken) nicht ausmachen.

Elbabwärts ging es bis nach Brunsbüttel, hier beginnt der Nord-Ostsee-Kanal.

Zum Andenken an meinen Bruder Rolf warf ich hier drei rote Rosen über Bord, die ich noch nachträglich zum Geburtstag bekommen und mit aufs Schiff genommen hatte.

In der Schleuse lagen wir mit 5 anderen Schiffen und ein Lotse kam an Bord. Durch den Kanal 
(ca. 100 km lang) geht es nur mit halber Kraft, gegen 22 Uhr ging es in Kiel ab in die Ostsee und ich verkroch mich in meine Koje.

Am nächsten Morgen (31.10.): Rings um mich her - nur Wellen und Meer.

Hungrig begab ich mich in die Offiziersmesse (Eßraum für den Kapitän, Steuermann und Ingenieur), wo auch ich meine Mahlzeiten einnahm. Der Koch versuchte mir mit ein paar Brocken englisch, Händen und Füßen etwas zu erklären, aber ich verstand zuerst nur Bahnhof. Bis ich dann begriff, die Sommerzeit war zu Ende und ich 1 Stunde zu früh zum Frühstück erschienen. Hatte zwar meinen Funkwecker mit, aber der hatte auf See keinen Empfang!

Bekam aber trotzdem was zu Essen :-))))))

Esszeiten an Bord: Frühstück 7:30 bis 8:30, 10:00 Uhr Coffeetime, dazu gab's Kekse, 11:30 bis 12:30 Mittagessen, 15:00 Teatime, wieder mit Keksen oder auch mal Kuchen, 17:30 bis 18:30 Abendessen. Außerdem hätte ich auch jederzeit zwischendurch mir mal etwas aus dem vollbepackten Kühlschrank holen dürfen, war aber wirklich nicht notwendig.

Die Besatzung: Kapitän Lösgen, Steuermann Schneider und Chief Hischke (Ingenieur) waren deutsch, der Koch und die andere Besatzung (noch 4 people) Filipinos. Ich kramte meine minimalen Brocken englisch zusammen, nahm Hände und Füße dazu und so klappte die Verständigung sogar meistens.

Jetzt auf See durfte ich auch einen Spaziergang zum Vorschiff machen. Ich schlängelte mich durch die Container hindurch und schaute vom Bug in die Wellen.

Dies wurde mein morgendlicher Spaziergang, immerhin 100 Meter hin und dann wieder retour. Habe allerdings einmal darauf verzichtet, weil die Gischt hoch spritzte und ich bereits in meiner Kammer geduscht hatte.

Ansonsten durfte ich mich an Bord frei bewegen und auch die Brücke betreten. Nur beim An- und Ablegen im Hafen war Vorsicht geboten. Ist ja klar, das man (Frau) dort der arbeitenden Bevölkerung nicht im Weg stehen darf.

Fragen zu gegebener Zeit (wenn die nicht anderweitig beschäftigt waren) wurden gerne beantwortet. Meine Kenntnisse von der christlichen Seefahrt liegen ja ein paar Jährchen zurück und in der Zwischenzeit hat sich doch einiges betreffs der Technik verändert. Ein Steuerrad ist nicht mehr vorhanden, Knöpfchen ersetzen dies inzwischen. Ansonsten ist die Brücke vollgestopft mit Computertechnik und diverse Monitore zeigen alles mögliche an.

Auf Anfrage durfte ich auch mit dem Chief einmal in die Maschine (alleine ist das Betreten verboten) und mir wurde alles ausführlich gezeigt und erklärt.

Ob die wohl Angst hatten, ich hätte an den Geräten herummanipulieren und das Schiff in eine andere Richtung schicken können ??

Um ehrlich zu sein, muss ich aber gestehen, dass ich nur wenig begriffen habe. Dafür wurde alles per Kamera festgehalten und nun darf ich raten, was denn nun auf welchem Bild zu sehen ist.

Zwei Tage nur auf See, am 1.11. um 16:50 Uhr kommt ein Lotse an Bord, denn wir haben die finnischen Schären erreicht. Abends erreichen wir den Hafen Kotka und ich darf das Anlegemanöver von der Brücke aus miterleben. Sofort beginnt dort das Entladen der Container, denn Zeit ist Geld!
Beim Einschlafen fehlt mir das Geräusch der Maschine und das Schaukeln der Wellen. Morgens (2.11.) um 7:20 Uhr schaue ich aus meinem Bullauge, da wird die Gangway eingeholt und es geht wieder los. Weiterhin mit Lotsen geht es durch die Schären zum nächsten finnischen Hafen Hamina, der nur 2 Stunden entfernt ist. Hier fand mein erster "Landgang" statt. Ich verließ über die Gangway den Pott, ging vor bis zum Bug, um den Kahn auch mal von vorne zu knipsen und dann schnell wieder an Bord, denn auch hier schwirrten gleich die Kräne mit den Containern hin und her.

Dann erfahren wir, daß noch ein 3. Hafen angelaufen werden muß. Leercontainer sollen nach Rauma gebracht werden. In den Häfen liegen auch noch solch alteFrachtschiffe mit Ladebäumen. Auf so einem Pott ist mein Bruder damals gefahren und ich war häufig an Bord.
Um 16 Uhr legt die "Värmland" ab und verläßt mit dem Heck zuerst den Kai. Die Bewölkung hat zugenommen und der Wind aufgefrischt. Hat ca. Windstärke 6 erreicht und mir wird ein wenig mulmig im Magen. Kommt das etwa von den Tintenfischen, die es zu Mittag gab??? Auf jeden Fall verzichte ich auf das Abendessen, Schweißausbruch macht mir zu schaffen und ich gebe unfreiwillig das Mittagsmahl wieder her. Vorsichtshalber wird ein Zäpfchen genommen und sich in die Koje gelegt. Ein einstündiges Schläfchen und danach ist alles vergessen. Mache noch einen Abendspaziergang an der frischen Luft, betrachte Himmel und Meer, schaue vom Heck in das von der Schraube aufgewühlte Wasser und lasse mich dann wieder in den Schlaf schaukeln.

3.11. - 7:30 Uhr: Herrlichster Sonnenschein und blauer Himmel, ich genieße den Rundumblick zwischen den Schären, die wir gegen 10 Uhr verlassen und der Lotse geht von Bord. Wir haben wieder offene See zu fassen und der Wind frischt auf, erreicht Windstärke 7 bis 8 und kommt von backbord (links).

Am Nachmittag erreichen wir Rauma, wo ebenfalls gleich mit dem Entladen begonnen wird.

 

Hab es mir nach dem Abendessen grad mit einem Buch in meiner Kammer bequem gemacht, da geht mein Telefon. Der Chief hat Besuch bekommen und bittet mich, nach oben zu kommen. Seine Stieftochter, die in Rauma wohnt, ist mit ihren 3 Kindern da und hat sich netterweise bereit erklärt, mit mir eine Rundfahrt durch das Städtchen zu machen. So kam ich doch noch zu einem Landgang und habe 1 Stunde lang das Nachtleben von Finnland genossen, wenn auch nur vom Auto aus. Aber die Altstadt mit den typischen nordischen Holzhäusern war auch bei Dunkelheit sehenswert.

Musste mich für diesen Landgang beim Kapitän abmelden und 
auch Meldung machen, dass ich wieder an Bord war.

 

 

 

 

4.11. - Werde vom Anfahren der Maschine wach, es ist 01:45 Uhr und wir verlassen den Hafen. Morgens ein phantastischer Sonnenaufgang, den ich aus dem Bullauge meiner Kammer heraus in Etappen fotografiert habe.

Frühstück und obligatorischer Morgenspaziergang zum Bug, dann lese ich viel. Das Wetter ist prima und wir haben nur noch Windstärke 5 . Mache zwischendurch ein paar Rundgänge und besuche die Brücke, bekomme vom Käpt'n das Gästebuch und vertiefe mich darin. Strenge dann meine kleinen grauen Zellen an, um mich auch darin zu verewigen.

Die Crew ist damit beschäftigt, den "Pott" von oben bis unten zu reinigen und ich bekomme eine unfreiwillige Dusche ab.

Beim Essen halte ich einen Klönschnack mit dem Chief, Langeweile kommt nicht auf. Die Seeluft tut mir gut und macht auch müde. Mittagsschläfchen sind an der Tagesordnung und abends um 22 Uhr ruft die Koje.

5.11. - Beim morgendlichen Rundgang zähle ich am Horizont 7 Schiffe, es ist einfach herrlich für mich und ich genieße diese Fahrt in vollen Zügen.

Begebe mich auf die Brücke und bringe das Gästebuch zurück, bekomme vom Kapitän einen Plan mit den Schiffsdaten und Fotos von der Värmland. Im Laufe des Gesprächs erfahre ich, dass bei diesem Törn etwa 1.800 km zurückgelegt werden. Mir werden auch noch Tips gegeben, wie ich für den Fall der Fälle preiswerter an so eine Reise rankommen kann. Muss auch noch meine Schulden begleichen, denn ich hatte meine Zigarettensorte ja vergessen und musste nun mit Marlboro-light vorlieb nehmen. Die gab es an Bord zum Preis von DM 19,-- pro Stange.

Wind und Wellengang nehmen zu, wir haben südliche Winde und wieder Stärke 7-8. Gischt spritzt übers Vordeck und ich verzichte auf meinen Spaziergang dorthin - dusche doch lieber in der  Kammer :-)))

Gegen Abend kommt Land in Sicht und gegen 21:30 erreichen wir wieder den Nord-Ostsee-Kanal bei der Schleuse in Kiel.

 

6.11. - Mein Handy hat wieder Empfang und ich kann meiner Sippe mitteilen, dass ich nicht von der See verschluckt worden bin. Gegen 6 Uhr nimmt die Elbe uns wieder auf, aber es steht noch nicht fest, an welchem Kai wir anlegen werden. Erst bei der Schiffsbegrüßungsanlage wird dem Kapitän mitgeteilt, dass am Burchardkai ein Platz frei wird und ich lotse per Handy meinen Chauffeur Kurt dorthin. Der hat ein paar Probleme, sich in dem Irrgarten Freihafen zurecht zu finden, aber als er es schließlich doch geschafft hatte, wurde er mit einer Schiffsführung dafür belohnt.

Für mich hieß es Abschied nehmen von einer tollen Crew und einem Klasse Schiff. Mein Traum ist wahr geworden, es war einfach SUPER und spitzenmäßig und es gab NICHTS, was mir nicht gefallen hat. Höchstens, dass die Fahrt schon zu Ende ging. Wenn irgendwie möglich, werde ich bestimmt noch einmal solch eine Fahrt machen.

Mein besonderer Dank gilt meiner Tochter Anke, die auf die Idee kam, mich mit der Erfüllung meines Jugendtraums zu meinem 60. Geburtstags zu überraschen.

Ein ganz herzliches Dankeschön sage ich allen lieben Menschen, die dazu beigetragen haben, daß dieser Traum in Erfüllung gehen konnte. Es war für mich eine Riesenfreude und ein unvergessliches Erlebnis.


Zitat des Tages: