De Hamburger Veermaster

                                 

Schleswig-Holstein (1849)

 

Plattdeutsch

1. Ick heff mol en Hamborger Veermaster sehn,  
|: To my hooda! :|
De Masten so scheef as den Schipper sein Been,
To my hoo da hoo da ho!

|: Blow boys blow for Californio,
There is plenty of Gold So I've been told,   
On the banks of Sacramento. :|

2. Dat Deck weur vun Isen, Vull Schiet uns vull Schmeer.  
|: To my hooda! :|
"Rein Schipp" weur den Käpten Sin grötstet Pläseer. 
To my hoo da hoo da ho!

|: Blow boys blow for Californio,
There is plenty of Gold So I've been told, 
On the banks of Sacramento. :|

3. Dat Logis weur vull Wanzen, De Kombüs weur vull Dreck,
 |: To my hooda! :|
De Beschüten, de leupen Von sülben all weg.
To my hoo da hoo da ho!

|: Blow boys blow for Californio,
There is plenty of Gold So I've been told, 
On the banks of Sacramento. :|

4. Dat Soltfleesch weur greun, Un de Speck weur vull Moden.
|: To my hooda! :|
Köm gäv dat bloß an Wiehnachtsobend.
To my hoo da hoo da ho!

|: Blow boys blow for Californio,
There is plenty of Gold So I've been told, 
On the banks of Sacramento. :|

5. Un wulln wi mol seiln, Ick segg dat jo nur,  
|: To my hooda! :|
Denn leup he dree vorut Und veer wedder retur.
To my hoo da hoo da ho!

|: Blow boys blow for Californio,
There is plenty of Gold So I've been told, 
On the banks of Sacramento. :|

6. As dat Schipp weur so weur Ok de Kaptein, 
|: To my hooda! :|
De Lüd for dat Schipp weurn Ok blot schangheit.
To my hoo da hoo da ho!

|: Blow boys blow for Californio,
There is plenty of Gold So I've been told, 
On the banks of Sacramento. :|

Hochdeutsch - sinngemäß übersetzt !

1. Ich habe mal einen Hamburger Vier-Master gesehen
Refrain: unübersetzbar - "hoodah" ist kein Englisch

Die Masten so schief, wie des Schippers Beine
man kann da 'ne Menge Kohle machen
an den Ufern des Sacramento.

2. Das Deck war von Eisen (=modernes Schiff), voll Mist und voll Schmiere
(Der Befehl) "Rein Schiff" war dem Kapitän das größte Vergnügen.

3. Die Mannschaftsräume waren voller Wanzen, die Küche voller Dreck
der Schiffszwieback lief von alleine weg

4. Das Salzfleisch war grün, der Speck voller Maden
Köm (Schnaps) gab's nur am Weihnachtsabend

5. Und wollten wir mal (hoch am Wind) segeln, ick sag' das ja nur
lief er drei Längen voraus und vier wieder zurück.

6. Wie das Schiff, so war auch der Kapitän
die Leute für's Schiff waren alle schangheit (entführt).


Die Geschichte

Wie kann man bloß...

Wie kann man bloß auf den Gedanken kommen, eine Hamburger Gaststätte ausgerechnet "Hamburger Veermaster" zu nennen?

Schauen wir uns das Liedchen vom Hamburger Veermaster genau an, so müssen wir ehrlich feststellen, wenn es ihn tatsächlich gegeben hätte, er wäre der schäbigste Kahn der ganzen christlichen Seefahrt und ein echter Hamburger Schwachpunkt!

So wie die Hamburger ihren Schnack haben "ich bin doch kein Bremer!", im Sinne von "ich laß mir die Arbeit nicht wegnehmen", so kontern die Angesprochenen mit dem Hamborger Veermaster als Anspielung auf die traditionell krassen sozialen Gegensätze in Deutschlands reichster Stadt. Doch so berechtigt Ihr Vorwurf "außen hui, innen pfui" auch sein mag, eine Kneipe "auf der Meile", die sich selbst als "Hamburger Veermaster" bezeichnet, geht zu weit! De Kombüs is vull Dreck und Köm givt dat bloß an Wiehnachtsobend? Lot mi an Land - ick drink min Beer woanners! Halt, was brummelt der Alte dort am Nachbartisch in seinen Bart?

 

Es gab ihn wirklich, diesen Hamburger Veermaster!

"Ja, ja, solchen Hamburger Veermaster hat es einmal gegeben, und wenn ich nicht irre, ist dieses Lied auf das Vollschiff 'Fritz Reuter' gemünzt. Das Schiff war 1865 in Liverpool als Dampfer gebaut. 'Crimean' hieß damals der Trog. Als Dampfer war er nicht recht was. Das Schiff wurde nach Hamburg verkauft an die Reederei Robert M. Sloman (die Firma gibt es immer noch und sie ist immer noch eine der größten Hamburger Reedereien! - d.Red.). Dieser ließ Kessel und Maschinen herausreißen und machte ein Segelschiff daraus. Es war nicht der einzige Dampfer, den man zum Segelschiff umgebaut hatte. Da waren noch drei weitere von diesen Satanskästen, die sich der Reeder in England angelacht hatte, nämlich die 'Charles Dickens', die 'Palmerstone' und die 'Herrschel'. Heute baut man Segler zu Dampfern um, damals war es umgekehrt.

Die 'Fritz Reuter war ein langes und schmales Schiff, wie es nun einmal Dampfer sind. Mit 1475 Bruttoregistertonnen war es aber das größte Schiff der Reederei. Lange Zeit hat es Fahrgäste befördert. Bis 200 Mann wurden dann darauf eingepfercht. Und manchmal gingen die Reisen bis ganz nach Australien hin. Mit Backstagsbrise machte es sogar recht schnelle Reisen. Auf der Reise vom Kap der Guten Hoffnung bis nach Australien wurden an drei aufeinanderfolgenden Tagen sogar Geschwindigkeiten von 14 und 15 Knoten geloggt. Aber naß segelte der Trog, und kreuzen wollte er überhaupt nicht. Das Mannschaftslogis war nicht vorn, wie es damals gang und gäbe war, sondern lag mittschiffs. Das war nun gerade der ungünstigste Platz, denn selten war es hier trocken. Hinter dem Logis lag die Kombüse. Sie war so niedrig von Decke, daß der Koch darin nicht aufrecht stehen konnte.

Schlimm sah es mit den Booten aus. Wohl standen auf dem Mannschaftslogis zwei Grooßboote. Ehe man diese aber aussetzen konnte, mußte man erst die Rahen über kreuz gebraßt und Taljen auf die Nocken gesetzt werden. Das dauerte natürlich immer eine geraume Zeit. Am Heck waren zwar zwei Davits angebracht für die Jolle. Auf See hing die Jolle aber nicht im Davit, sondern wurde mit diesen nur an Deck gesetzt, dann längs Deck gezogen und kieloben unter der Back verstaut. Da sah sich natürlich jeder vor, über Bord zu fallen.

Das ganze Schiff roch nach dem Reederei-Inspektor. Das war ein Geizkragen ersten Ranges. Wenn die Fritz Reuter ein Jahr lang unterwegs war - und so lange dauerten durchschnittlich die Reisen - wurde nur ein einziges Faß Petroleum bewilligt. Es war leicht erklärlich, daß die Seitenlampen dann nur bis Madeira angesteckt wurden und man von da an "englisch Licht" fuhr, nämlich gar keins. Selbst der Kapitän und die Steuerleute saßen Abends im Dunkeln. Nur zum Abendbrot durfte die Kajütslampe angezündet werden. Im Logis fehlte selbstverständlich jegliche Beleuchtung.

Es gab auch keine Feudel an Bord. Mit alten Säcken wurden Kajüten und Kammern aufgewischt. An Malen war natürlich gar nicht zu denken. Als die 'Fritz Reuter' einmal in einem australischen Hafen lag, kaufte Kapitän Langhinrichsen aus seiner eigenen Tasche ein paar Dosen schwarzer Farbe, um gegen die dort liegenden fremden Schiffe nicht allzusehr abzustechen.

Gott sei Dank gehörten aber solche Schiffe wie die 'Fritz Reuter' und solche Inspektoren, die weder Feudel noch Farbe noch Petroleum bewilligten, auch damals zu den Seltenheiten.

Einmal, es war im Jahre 1891, segelte die 'Fritz Reuter' unter Kapitän Langhinrichs von Cardiff nach Pisagua an der Westküste, den Raum voller Kohlen. Am Kap Horn war das übliche Schweinewetter. Als Mitläufer wurde die englische Viermastbark 'Wamphray' gesichtet. Es war ein nagelneues Schiff, das seine erste Reise machte, ebenfalls mit Cardiff-Kohlen für Chile an Bord. Gegen Abend frischte der Wind noch mehr auf und wurde zum vollen Orkan. Die beiden Schiffe kamen auseinander. Als der Morgen graute, sichtete der Erste Steuermann der 'Fritz Reuter' die englische Bark, wie sie fast platt auf der Seite lag und ein Notsignal gesetzt hatte. Anscheinend war die Ladung übergegangen. Auf der 'Fritz Reuter' wurden sofort die Rahen back gebraßt und ein Großboot klar gemacht. Vier Stunden dauerte es, da lag es endlich zu Wasser. Bei dem fliegenden Sturm und dem hohen Seegang war das immerhin noch eine gute Leistung. Der Erste Steuermann und vier Matrosen jumpten in das Boot, das beim Zuwassersetzen und Schlagen gegen die Bordwand etwas beschädigt wurde.

In zwei Fahrten gelang es den fünf Männern, 27 Mann von der Besatzung der 'Wamphray' herunterzuholen. Es war ein hartes Stück Arbeit, aber der Mühe war auch ein Erfolg beschieden.

Auf der 'Wamphray' war man inzwischen auch nicht faul gewesen. Man hatte dort die Gig klar gemacht. Der englische Kapitän, sein Zweiter Steuermann und fünf Mann erreichten damit das deutsche Vollschiff. Um 3 Uhr nachmittags waren die Rettungsmanöver beendet und die 'Fritz Reuter' konnte ihren Weg zur Westküste fortsetzen. Noch während der Steuermann die letzten Mannschaften holte, sank die 'Wamphray'.

Vierunddreißig englische Seeleute wohnten auf der Kohlenladung der 'Fritz Reuter'. Es war kein anderer Platz verfügbar. Mit den Lebensmitteln und dem Trinkwasser mußte man sehr haushalten. Für 23 Mann und 80 Tage Wasser hatte ihnen der Inspekteur in Hamburg nur bewilligt. Jetzt mußte es für 57 Mann reichen.

Die Fritz Reuter hat nach dieser Rettungstat nur noch zwei Reisen unter deutscher Flagge gemacht, eine nach Australien und eine nach Buenos Aires. Das Schiff wurde dann nach Norwegen verkauft. Schon gleich auf der ersten Reise unter der neuen Flagge wurde das Schiff im Nordatlantik von der Besatzung verlassen. Es war leckgesprungen und gesunken.

Das war das Ende des Hamburger Satanskastens, des Vollschiffes 'Fritz Reuter'."


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